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Nachdem ich nun schon 7 Jahre in der Innerschweiz lebe, aber noch nie das Alpenbrevet gefahren bin, ist im Winter die Idee entstanden diese Herausforderung anzunehmen. Da auch mein Rennvelo schon 7 Jahre auf dem Buckel hatte, leistete ich mir zudem ein Neues, Leichteres und Schnelleres. Anfangs war ich skeptisch, ob die Platinrunde mit dem vorgesehenen Trainingsaufwand machbar ist. Darum erstellte ich mir einen Zeitplan, bei dem ich in den Anstiegen mit einer Dauerleistung von 200W rechnete. Heraus kam eine Gesamtzeit von 12:08 Stunden. Hmmm... sollte möglich sein. Diese Marschtabelle setzte ich mir als Ziel. Aber wie bring ich über diese Strecke die nötige Energie in meinen Körper rein? Da keine längeren Pausen vorgesehen sind, fällt das Mittagessen aus. Verträgt meine Verdauung überhaupt eine Ernährung nur aus Energy-Drinks, Gels und ähnlichem Zuckerzeugs? Diese Frage liess sich vorab nicht klären und blieb als Risiko offen. Das Trainingslager im Mai (Ligurien) schaffte eine gute Basis, um dann zu Hause an Abend- und Wochenendausfahrten die Form aufzubauen. In den Sommerferien (Italien) holte ich mir den letzten Schliff. Ich stand jeden zweiten Tag mit der Sonne auf, um vor dem Morgenessen eine 4h-Runde zu drehen. Wenn die Vorbereitung so abwechslungsreich und problemlos ist, dann passt Konfuzius: "Der Weg ist das Ziel." Am 13. August um 4:30 Uhr startete der Alpenbrevet-Tag. Im Gegensatz zu früheren Austragungen zeigte sich das Wetter von der besten Seite, was mich bei meiner ersten Teilnahme natürlich besonders freute. Die Wetteraussichten bewirken einen Ansturm von Spätentschlossenen und der Startraum quoll über. Ich entschloss mich darum vom Trottoir neben der Abschrankung zu starten. Dabei war ich mir aber nicht bewusst, dass die Startmatte meinen Transponder nicht empfängt. Für die Zeitmessung wurde mir dann eine frühere Startzeit (wahrscheinlich 6:45 Uhr) eingetragen. ![]() Im Aufstieg zum Grimselpass. Grimsel Das Feld der 1500 FahrerInnen zog sich schnell in die Länge und der Tatzelwurm kletterte gleichmässig das Tal hinauf. Da ich den Grimsel das erste Mal befuhr, genoss ich den abwechslungsreichen Anstieg. Zuerst die Wälder, dann immer mehr abgeschliffene Granitfelsen und zuoberst mit Sonne der herrliche Ausblick über die Stauseen. Wie vorgenommen war ich schön langsam gestartet und obwohl man zwischendurch immer wieder das Gefühl hat, man sei gleich oben, liess ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Gegenüber der Marschtabelle war ich auf der Passhöhe eine gute Viertelstunde vorraus. Die Abfahrt hinunter nach Ulrichen brachten ich und mein Velo mit etwas Glück unbeschadet hinter uns. Nach Gletsch ist die Strasse unruhig und es kann passieren, dass man ein Schlagloch übersieht. Nufenen Da es der steilste der fünf Pässe ist, fuhr ich ihn intensiver als den Grimsel. Das passte auch gut, weil das Frühstück in der Zwischenzeit verdaut war. Entsprechend überholte ich Fahrer um Fahrer. Die Beine drehten rund, alles bestens. Der Vorsprung auf die Marschtabelle erreichte auf der Passhöhe 25 Minuten. An der Verpflegungsstation füllte ich meine Taschen, um auf dem Weg nach Biasca mein "Mittagessen" zu mir zu nehmen. Die Abfahrt war schnell, sehr schnell. Die erste Haarnadelkurve bremste ich zu spät an und der Rückenwind trieb mich auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war noch kaum Gegenverkehr unterwegs ... Weiter gings mit Windunterstützung, teilweise im dreistelligen Geschwindigkeitsbereich. Mit Compact-Kurbeln musste ich ziemlich zabeln, damit ich bei der sich bildenden Gruppe dranbleiben konnte. In Airolo entledigte ich mich der Beinstulpen und mit der gleichen Gruppe ging es Richtung Biasca. Erstaunlich spät drehte der Wind und blies uns entgegen. Die Gruppe lief gut und wir holten immer wieder kleinere Grüppchen ein. Unter anderem auch Thomas Hofman ( lies auch seinen Bericht ). Unterwegs versuchte ich so viel Kalorien wie möglich aufzunehmen, aber die Kombination von Birnbrot und Energy-Drink bekam meiner Verdauung nicht gut. Es stellte sich ein leichter Bauchschmerz ein. Lukmanier Der Bauchschmerz und die Tessiner Wärme zwangen mich nun erstmals zum Leiden. Dann wurde ich von einem Fahrer mit roten Velohosen überholt. Ein anderer Fahrer führte mich in einem Flachstück mit einem Affenzahn wieder an den Roten ran (Danke). Bis nach Olivone hängte ich mich an, aber er fuhr so unregelmässig, dass ich abreissen lassen musste. Ich hatte das Gefühl, dass ich langsem in einen Hungerast fahre, trotz vollem Bauch. Das Tatam-Tatam der Betonplatten wurde auch nervig. In Biasca hatte ich doch einen Super-Gel mit Taurin und Koffein mitgenommen; vielleicht hilft der ja ... runterwürg. 10 Minuten später bringe ich langsam wieder mehr Druck auf die Pedalen und die letzten flacheren Kilometer vor der Passhöhe habe ich das Gefühl ich fliege. Die Passhöhe erreichte ich gleichzeitig mit dem Roten und 35 Minuten vor der Marschtabelle. Die Abfahrt war kurz, der Gegenwind aber auch heftig. Bald bildete sich wieder eine kleine Gruppe, welche bis nach Disentis Bestand hatte. Oberalp Nach einer Baustelle waren wir noch zu viert. Die letzten, steilen Kilometer vor der Passhöhe fuhr zwar jeder alleine, die Abstände waren aber so klein, dass wir praktisch zusammen oben ankamen. Erstmals hatte sich der Vorsprung auf die Marschtabelle nicht verändert. Er blieb bei 35 Minuten. Die Bauchschmerzen waren zwar noch da, aber ansonsten fühlte ich mich angesichts der zurückgelegten 200km und 5500hm relativ fit. Nachdem sich alle verpflegt hatten, stürzten wir uns zusammen in die Abfahrt nach Andermatt. Glücklicherweise war der Verkehr durch die Schöllenen nicht so stark, dass er stand. In der Wagenkolonne ging es zügig runter, ohne Autos wären wir nur eine Spur schneller gewesen. ![]() In der Abfahrt vom Sustenpass. Susten Zu viert fuhren wir in Wassen über die Transponder-Matte und nahmen den letzten Pass in Angriff. Der Rote und ich konnten uns etwas absetzen. Ich entschied dann aber abreissen zu lassen, da der Pass lang, unbarmherzig ist und mir die Atemmuskulatur schmerzte. Ich könnte ja immer noch später zulegen, wenn ich dann noch kann. In einem guten Rhythmus kam ich voran, der Abstand zum Roten wurde trotzdem immer grösser. Halb oben hiess es dann nicht Zulegen, sondern Auf-die-Zähne-beissen, um das Tempo halten zu können. Die Lücke zum Roten blieb nun etwa konstant, ca. 2 - 3 Minuten. Als ich oben angekam, war der Rote schon weg und ich hatte jetzt einen Vorsprung von 45 Minuten auf die Marschtabelle. Ich nahm noch schnell einen Becher Cola und runter ging es. Zum Glück war ich den Susten auch schon gefahren. Die eine oder andere Kurve hätte ich sonst nicht so schnell fahren können. Der Motorradrahrer, den ich vor mir her trieb, legte sich in die Kurve bis die Fussrasten streiften... Auf 2 Rädern braucht man einen guten Schutzengel! Die Flachstücke dazwischen fuhr ich voll. Jetzt würde ich es sicher ohne Hungerast ins Ziel schaffen. Nach Innertkirchen erblickte ich auf der langen Geraden eine rote Velohose. Mit einem Zusatzeffort holte ich ihn gerade vor dem Anstieg bei der Aareschlucht wieder ein. Wir lachten beide und fuhren Vollgas über diese letzte Kuppe. Es war ein gutes Gefühl am Ende dieser Fahrt immer noch so Druck machen zu können. Gemeinsam erreichten wir das Ziel in Meiringen und diskutierten die gemeinsame Fahrt. Nach einer Portion Pasta ging es dann nach Hause. Die Verdauung quälte mich noch bis in den Sonntag hinein, aber Details möchte ich Euch ersparen. Die Erholung benötigte dann noch 2 weitere Tage. Langzeitschäden habe ich keine davongetragen, ausser vielleicht die Lust nach mehr ... Nachfolgend einige Angaben zur Platinrunde des Alpenbrevets 2011 und meinem Resultat:
Die Abschnittszeiten
... wobei ich mit dem 18. ins Ziel gekommen bin. Anhand der Abschnittszeiten rechnete ich auf meine Dauerleistung in den Aufstiegen zurück, was 220 - 230 Watt ergab. Es scheint, dass ich alle Pässe etwa mit der gleichen Leistung erklommen habe. Im Gegensatz zu den meisten Fahrern, welche den Grimsel schneller gefahren sind, als die folgenden Pässe. Für weitere Langdistanzrennen müsste ich besser verträgliche Lebensmittel zur Verfügung haben. Eigentlich habe ich aber lieber einen Teller Pasta zum Mittagessen ;-) Martin Neff ![]() Finisher-Urkunde | ||||||||||||||||||||||||||||||||||